Was ist eine chronische
Bauchspeicheldrüsenentzündung?
Unter chronischer Pankreatitis versteht man eine chronisch (über
lange Zeit) andauernde Entzündung der Bauchspeicheldrüse. Durch
anhaltende Schädigungen der Bauchspeicheldrüse kommt es zur
langsamen aber sicheren Zerstörung der funktionstüchtigen Zellen
in der Drüse. Diese werden durch narbenartiges Gewebe ersetzt.
In der Folge kann die Bauchspeicheldrüse ihre normale Funktion
nicht mehr wahrnehmen. Dies hat wiederum zur Folge:
1. Die Produktion von Verdauungsenzymen, welche für die Zerlegung der Nahrung in kleinere Einheiten und deren so mögliche Aufnahme in den Körper verantwortlich sind, versiegt.
Es kommt zu Durchfällen (häufig übelriechend) und auf lange
Sicht zum Gewichtsverlust.
2. Die spezialisierten Inselzellen der Bauchspeicheldrüse
werden ebenfalls zerstört. Dadurch wird weniger oder kein
Insulin mehr produziert und der Zuckerstoffwechsel kommt durcheinander.
Aus verschiedenen Gründen, die bis heute noch nicht vollständig
verstanden werden, kommt es im Laufe dieser Krankheit zu zunehmenden
Oberbauchschmerzen, welche oft gürtelförmig in den Rücken
ausstrahlen. Wahrscheinlich haben diese ihren Ursprung in
Veränderungen des Nervengewebes in der Bauchspeichedrüse und/oder
durch Verstopfung der Bauchspeicheldrüsengänge ensteht ein
immer höher werdender Druck im Organ. Tatsache ist, dass diese
Schmerzen häufig auch durch stärkste Schmerzmittel (Opiate)
nicht mehr gelindert oder beseitigt werden können.
Was sind die Ursachen der chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung?
In den westlichen Ländern ist der erhöhte Alkoholgenuss die
häufigste Ursache (80%) der chronischen Pankreatitis. Aber
nicht in jedem Fall muss es sich bei den Ursachen um einen
chronischen Alkoholübergenuss handeln. Bei unterschiedlichen
"Toleranzgrenzen" für Alkohol gibt es Betroffene, bei welchen
auch eine relativ geringe Menge an Alkohol genügt, um die
Krankheit auszulösen. Neben dieser häufigsten Ursache gibt
es weitere wichtige Ursachen für die chronische Pankreatitis:
Gendefekte, Fehlanlage der Bauchspeicheldrüsengänge (Pancreas
divisum), Medikamente und Stoffwechselstörungen. Manchmal
findet man auch keine spezielle Ursache.
Was sind die Symptome und Beschwerden der chronischen
Bauchspeicheldrüsenentzündung?
- Schmerzen
- Verdauungsstörungen
- Durchfall
- Gewichtsverlust
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
Welche Abklärungen und Voruntersuchungen müssen
bei einer chronischen Pankreatitis getroffen werden?
Ein Beschrieb des Untersuchungsganges finden Sie unter Untersuchungsmethoden.
Bei Verdacht auf chronische Pankreatitis erfolgt meist eine
Computertomographie, die Aufschluss über Formveränderungen
der Bauchspeicheldrüse und ausgeprägte Gangerweiterungen gibt.
Ausserdem können charakteristische Verkalkungen in der Bauchspeicheldrüse
nachgewiesen werden. Frühe Veränderungen der Bauchspeicheldrüsengänge
werden aber am besten mittels ERCP gezeigt. Diese Untersuchung,
wie auch eine qualitativ hochstehende MR-Bildgebung sollte am spezialisierten
Zentrum (wie z. B. am Inselspital) ausgeführt werden. Funktionell
ist die Prüfung des Ausmasses der Einschränkung der Verdauungsfunktion
und der Blutzuckerregulation angezeigt. Die Blutzuckerwerte
können mittels einer Blutentnahme, die Menge der noch
produzierten Verdauungsfermente durch eine Stuhluntersuchung
geprüft werden.
Therapie / Behandlungsmethoden
Die Therapie richtet sich vor allem nach den Beschwerden des
Patienten. Meist ist das Hauptproblem der Patienten der kaum
ertragbare Oberbauchschmerz. Als erstes sollte jeder Alkoholgenuss
sofort eingeschränkt, besser noch gestoppt werden. Zweitens
wird man versuchen durch Einnahme von Pankreasenzympräparaten
die Sekretion der Drüse zu hemmen und diese damit ruhigzulegen
und eine ausreichende Verdauung wiederherzustellen. Führen
diese beiden Massnahmen nicht zur erwünschten Schmerzlinderung
werden diverse mehr oder weniger starke Schmerzmittel zum
Einsatz kommen. Kann damit keine genügende Linderung erreicht
werden, muss eine Operation erwogen werden.
Zeigt sich im Stuhluntersuch oder durch Fettauflagerungen
auf dem Stuhl und/oder stinkende Durchfälle, dass die Bauchspeicheldrüse
nicht mehr genug Verdauungsenzyme produziert, müssen diese
durch regelmässige Einnahme von entsprechenden Medikamenten
(z.B. Creon) ersetzt werden. Je nach Fettgehalt der Mahlzeit
müssen mehr oder weniger Kapseln, welche die entsprechenden
Enzyme enthalten, mit dem Essen eingenommen werden. Oft muss,
damit die künstlichen Enzyme ihre Wirkung entfalten können,
die Säureproduktion im Magen durch sogenannte Säureblocker
gehemmt werden. Schliesslich ist auf eine genügende Einnahme
von fettlöslichen Vitaminen (A, D, E, K) zu achten. In schweren
Fällen müssen diese manchmal durch Spritzen gegeben werden.
Wenn der Zucker im Blut ansteigen sollte, ist dies ein Zeichen,
dass zu wenig Insulin durch die Bauchspeicheldrüse produziert
wird. Zuerst kann durch eine angepasste Diät eine Normalisierung des Blutzuckerspiegels versucht werden. Oft braucht es schliesslich
doch eine Einstellung des Zuckers durch Verabreichung regelmässiger
Insulinspritzen.
Wann ist eine Operation notwendig?
Bei jedem zweiten Patient mit chronischer Pankreatitis wird
im Verlauf der Erkrankung eine Operation notwendig. Diese
Operation muss sehr sorgfältig geplant und ausgeführt werden
und sollte daher in spezialisierten Spitälern (z.B. Inselspital)
erfolgen. Hauptsächlich gibt es zwei Gründe, warum operiert
werden muss:
1. Die Schmerzen können auch mit stärksten Schmerzmitteln
(Opiate) nicht richtig unter Kontrolle gebracht werden.
2. Durch die chronisch-entzündlichen Veränderungen der Drüse
kommt es zu Auswirkungen auf die umliegenden Organe wie Einengung
oder Verschluss des Zwölffingerdarms, des Gallengangs, des
Bauchspeicheldrüsenhauptgangs und der hinter der Bauchspeicheldrüse
liegenden Gefässe.
Manchmal kann es auch zur Ausbildung von sogenannten "Pseudozysten"
(flüssigkeitsgefüllter Hohlraum) kommen. Das mit Pankreassaft
gefüllte Gebilde liegt in oder an der Bauchspeicheldrüsenoberfläche.
Oft verschwinden Pankreaspseudozysten von selbst wieder ohne
jede Behandlung. Allerdings werden sie auch manchmal immer
grösser und führen so zu Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen und
Gewichtsverlust. Die beste Therapie ist dann die chirurgische
Beseitigung. Der beste Operationszeitpunkt muss mit einem
erfahrenen Bauchspeicheldrüsenchirurgen diskutiert werden.
Durch eine frühzeitige operative Entfernung des Entzündungsherdes
kann eine Erhaltung der Bauchspeicheldrüsenfunktionen (Verdauung,
Blutzuckerkontrolle) angestrebt werden.
Was geschieht während der Operation?
Meist beginnt die Operation mit einem queren oder längs
verlaufenden Schnitt durch die Bauchwand. Mit verschiedenen
Befestigungssystemen wird die Bauchwand so auseinander gezogen,
dass der Chirurg und sein Team einen guten Einblick auf die
Bauchorgane haben. Operationen an der Bauchspeichedrüse bei
chronischer Pankreatitis können in "drainierende" und in "resezierende"
Operationen unterteilt werden. Welches Verfahren verwendet
wird hängt von den Veränderungen an der Bauchspeicheldrüse
ab. Bei den drainierenden Operationen wird der Bauchspeicheldrüsenhauptgang
auf seiner ganzen Länge eröffnet und mit dem Dünndarm verbunden,
so dass der Pankreassaft direkt in den Darm abfliessen kann.
Beim Vorliegen einer Pseudozyste kann diese eröffnet werden,
und es wird ein Stück Dünndarm daraufgenäht, damit die gestaute
und/oder angesammelte Flüssigkeit ungehindert abfliessen kann.
Meist ist die Bauchspeicheldrüse stark entzündlich verändert,
so dass diese Verfahren die Situation nur kurzzeitig oder nicht
verbessern. Oft kommt es nach wenigen Monaten wieder zur Verstopfung
dieser Abflüsse, und der Patient bekommt wieder Schmerzen.
Somit ist eine Entfernung (Resektion) des geschädigten Anteils
der Bauchspeicheldrüse meist die Therapie der Wahl. Da die
Entzündung fast immer im Pankreaskopf am ausgeprägtesten ist,
wird dieser entfernt. Heute wird versucht diese Operationen
so schonend wie möglich durchzuführen: nur
das am stärksten geschädigte Bauchspeicheldrüsengewebe wird entfernt. Die umliegenden Organe, wie der Zwölffingerdarm (Duodenum),
die Gallenwege und der Magen werden geschont (Duodenum-erhaltende
Pankreaskopfresektion). In seltenen Fällen kann es nötig sein,
trotzdem auch diese Organe zu entfernen (Whipple-Operation).
Sollte der Entzündungsherd vor allem im Bauchspeicheldrüsenschwanz
lokalisiert sein (selten), wird dieser - möglichst unter Schonung
der nahe liegenden Milz - entfernt. Aus technischen Gründen
muss diese manchmal aber trotzdem mitentfernt werden. Nach
Entfernung des krankhaften Bauchspeicheldrüsengewebes wird ein Stück Dünndarm
so auf den Rest der Drüse genäht, dass die Verdauungssäfte
wieder ungehindert abfliessen können.
Diese Operationen an der Bauchspeicheldrüse sind sehr anspruchsvoll
und sollten nur an spezialisierten grossen Zentren von entsprechend
geschulten Chirurgen durchgeführt werden.
Ein Teil meiner Bauchspeicheldrüse wurde entfernt - wie
weiter?
Bei Patienten, bei welchen ein Teil oder sogar die ganze
Bauchspeicheldrüse entfernt werden musste, kann es je nach
Ausdehnung der Entfernung zu einer Funktionseinschränkung
der Bauchspeicheldrüsenfunktion kommen. Dabei stehen folgende
zwei Probleme im Vordergrund:
- Zu wenig Pankreasenzyme (führt
zu Verdauungsproblemen)
- Zu wenig Insulin (führt zu hohem
Blutzucker). Diese Mangelzustände können mit entsprechenden
Medikamenten substituiert werden.
Pankreasenzymsubstitution
Heute sind gute, moderne Präparate auf dem Markt, welche Substanzen
enthalten, die die Enzyme der Bauchspeicheldrüse ersetzen. Diese Enzympräparate müssen zu allen Hauptmahlzeiten
und auch bei fett- oder proteinreichen Zwischenmahlzeiten
("Snacks") eingenommen werden. Die nötige Dosierung ist von
Patient zu Patient unterschiedlich und richtet sich nach dem
Nahrungstyp und schliesslich nach dem Beschwerdebild des Patienten.
Entscheidend ist, dass unter dieser Therapie ein Völlegefühl
und die stinkenden Durchfälle mit Fettauflagerungen verschwinden.
Typischerweise müssen 2-3 Kapseln zu den Hauptmahlzeiten eingenommen
werden und 1-2 Kapseln zu den Zwischenmahlzeiten. Wichtig
ist, dass die Pankreasenzyme mit der Nahrung in Kontakt kommen,
da sie nur so ihre Wirkung erfüllen können. So werden pro
Tag zwischen 6-12 Kapseln benötigt. Allerdings kann die Anzahl
auch bedeutend höher oder niedriger sein, je nach noch vorhandener
Restfunktion der Bauchspeicheldrüse. Die Pankreasenzympräparate (z.B. Creon forte / Creon 10'000) sind
meistens sehr gut verträglich und haben praktisch keine Nebenwirkungen.
Ganz selten kann es zu einer allergischen Reaktion kommen.
Insulinsubstitution
Sollten sich infolge der Bauchspeicheldrüsenkrankheit oder
der Operation hohe Blutzuckerwerte zeigen, ist es notwendig,
eine entsprechende Blutzuckertherapie durchzuführen. Anfänglich,
und bei nicht stark erhöhten Zuckerwerten im Blut, kann dies
mit Hilfe von angepasster Nahrungsaufnahme und Tabletten erfolgen,
welche den Zuckerspiegel beeinflussen. Allerdings braucht
es bei ausgedehnten Resektionen manchmal auch eine direkte
Insulinersatzbehandlung. Für die Insulinersatzbehandlung stehen
heute die verschiedensten Insulintypen zur Verfügung, welche
entweder tierischen Ursprungs oder aber gentechnologisch hergestellt
sind. Sie sind meistens identisch mit dem menschlichen Insulin
und werden deshalb als Humaninsuline bezeichnet. Allen Insulintypen
ist es gemeinsam, dass sie gespritzt werden müssen. Die grosse
Auswahl an Insulintypen erlaubt es, die Therapie sehr individuell
zu gestalten. Es kann speziell auf Ernährungsgewohnheiten
geachtet werden. Ziel einer jeden Therapie ist dabei das persönliche
Wohlbefinden und eine gute Einstellung des Blutzuckerwertes.
Damit können schwere Folgeschäden in der nahen und fernen
Zukunft vermieden werden. Speziell in der Anfangsphase ist
eine engmaschige Betreuung durch den Hausarzt oder Spezialisten
erforderlich.
Meine Milz wurde entfernt - wie geht es weiter?
Es ist möglich, dass im Rahmen einer Bauchspeicheldrüsenoperation
die Milz mitentfernt werden musste. Dies kann insbesondere
bei Tumoren im Bereich des Pankreasschwanzes notwendig sein.
Es ist gut möglich ohne Milz zu leben. Die Milz spielt eine
gewisse Rolle in der Immunabwehr des Menschen. Ohne Milz ist
man empfindlicher für gewisse bakterielle Infektionen. Um
den Patienten vor Infektionen nach einer Milzentfernung zu
schützen, sollte er nach der Operation entsprechende Impfungen
erhalten. Nach etwa 3 bis 5 Jahren müssen nach den heutigen
Richtlinien diese Impfungen wiederholt werden. Weiterhin sollte
der Patient in Zukunft beim Auftreten einer schweren Infektionskrankheit
den Hausarzt aufsuchen und diesen auf die Tatsache aufmerksam
machen, dass er oder sie keine Milz mehr habe. Der Arzt wird
dann entscheiden, ob eine antibiotische Therapie notwendig
ist. Weiterhin kann es nach einer Milzentfernung zu einem
Anstieg der Blutplättchen (Thrombozyten) kommen. Es ist insbesondere
in den ersten Woche nach der Milzentfernung wichtig, diese
regelmässig zu kontrollieren. Denn bei zu hohem Anstieg der
Blutplättchen kann es zu einer Verdickung des Blutes und zu
Thrombosen kommen. Bei einem entsprechend zu hohen Anstieg
wird Ihnen Ihr Arzt vorübergehend Blutverdünnungsmedikamente
verordnen, um die Thrombosegefahr gering zu halten.
Nachsorge
Nach einer Pankreasoperation bei chronischer Entzündung müssen
regelmässig Kontrollen der Verdauung und des Blutzuckers vorgenommen
werden. Dies kann meist kompetent durch den Hausarzt erfolgen.
Eine routinemässige Nachsorge mittels radiologischer Verfahren
(z.B. CT) ist nicht notwendig. Allerdings sollte die spezialisierte
Klinik, welche die Operation vornimmt, miteinbezogen werden,
da operationsspezifische Probleme auftreten können.
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